«Es war einmal…» oder wie Geschichten Generationen verbinden

22. Juli 2021, von Katrin Menzi
$featured_image->description

Über mehrere Wochen hat die Kita Fiorino Engelburg mit dem Altersheim von Engelburg zwei Geschichten geschrieben. Die Fantasie der Kinder brachte den Anfang hervor; die Bewohner*innen des Altersheims Senevita Obhalden schrieben mit viel Kreativität weiter. Ziel war es, die Generationen zusammenzubringen und mit einer Geschichte erste Kontakte zu knüpfen.

 

Dann kam der grosse Moment: Die jungen und älteren Autor*innen trafen sich, um die ganze Geschichte zu hören. Zur Stärkung gab es einen süssen Zaubertrank, gebraut von den Bewohner*innen, und dazu selbstgebackene Hexenguezli aus der Fiorino Küche.

 

Die Autor*innen von Hexe Lilli und dem Bienenschloss treffen sich zum ersten Mal.

 

Das Erfinden und Hören von Geschichten hat viele positive Effekte auf die kindliche Entwicklung: Es erweitert den Wortschatz, steigert die Konzentrationsfähigkeit und fördert Vorstellungsvermögen und Fantasie. Sind keine Bilder vorhanden, wie bei unserer Geschichte, nehmen wir die selbstgemachten Erzählsteine dazu und geben ihr so Gestalt. Durch die verschiedenen Figuren, die in einer Geschichte auftreten, lernen die Kinder zudem, sich in andere hineinzuversetzen.

 

Mit unseren Erzählsteinen geben wir den Geschichten verschiedenen Bilder.

 

Nun möchten wir euch die zwei Geschichten, die generationenübergreifend entstanden sind, nicht vorenthalten.

 

Hexe Lilli

 

Der erste Teil stammt aus den Federn der Kinder: In einem Lebkuchenhaus wohnt eine alte, bucklige Hexe mit einer Warze auf der Nase und einem spitzigen Hexenhut auf dem Kopf. Ihre Kleider sind dunkelgrün und schwarz. Heute kocht die Hexe Lilli auf dem Feuer in ihrem Kochtopf Zauberkartoffeln. Hierzu muss sie im Düsterwald die richtigen Zauberzutaten sammeln. Um die Zutaten tragen zu können, nimmt sie ihr Zaubertuch mit und geht los.

 

Ab jetzt übernehmen die Bewohner*innen des Altersheims: Als erstes sucht sie die heissgeliebte, bittersüsse, erdfarbene Waldwurzel. Für die perfekt schmeckenden Zauberkartoffeln braucht Hexe Lilli jedoch noch einiges mehr. Sie macht sich im tiefen Waldtobel des Düsterwaldes auf die Suche nach den bissig brennenden, rosaroten Brennnesselblüten, dem über Jahrzehnte lebenden Dinosaurierfarn, den süsslich riechenden, violett glänzenden Holderbeeren, dem feuerrot-weiss strahlenden, giftigen Fliegenpilzextrakt. Lilli sammelt all diese wunderbaren Zutaten in ihrem Zaubertuch zusammen, schnürte anschliessend alle vier Ecken des Tuches zusammen und bindet das Bündel an ihren Zauberstab, den sie ebenfalls mitgenommen hatte, fest. Mit den Zutaten auf den Schultern läuft Hexe Lilli den weiten Weg wieder zurück zu ihrem Lebkuchenhaus. Doch plötzlich hört sie links neben sich im Busch etwas rascheln und knistern. Wie angewurzelt bleibt sie stehen. Erschrocken stellt sie fest, dass sie von giftgrünen, leuchtenden Augen beobachtet wird…

Wie geht die Geschichte wohl weiter? Eure Kreativität ist gefragt.

 

Beim Bebildern der Geschichte "Das Bienenschloss".

 

Das Bienenschloss

 

Auf einer grossen Wiese nahe beim Wald stand ein Bienenschloss. Darin wohnte eine grosse, prächtige Bienenkönigin. Ihr Kleid war gelb-schwarz gestreift und sie hatte grosse, schöne Flügel. Auf ihrem Kopf trug sie eine Krone aus Gold und Diamanten und um ihren Hals eine schimmernde, glitzernde Halskette. Mit ihr im Schloss wohnten ihre Arbeiterinnen, die gleichzeitig auch ihre Dienerinnen waren. Die Schlosswächter liessen nicht alle Bienen ins Schloss hinein.

Passend zur Geschichte zeichnen wir die Bienen.

Fünf Bienen aus einer anderen Stadt und einem anderen Kontinent hörten von diesem prachtvollen Schloss und der schimmernden, glitzernden Halskette. Dies wollten sie sich nicht entgehen lassen und summten los. Auf dem Weg dorthin hörten die fünf Bienenfreunde immer wieder von überall her, dass es wahnsinnig schwierig sei, in das Schloss zu kommen. Die Königin habe Angst, ihren glitzernd-glänzenden Schatz zu verlieren.

 

Um in das Schloss zu gelangen, müssten sie etwas mitbringen und zwar verschieden farbigen Blütenstaub. Dazu gehörte der goldgelb leuchtende Blütenstaub aus dem nahegelegenen Wald. Doch dies reichte noch lange nicht, um die Königin und das Schloss von innen zu sehen. Sie brauchten noch rosenduftenden, roten Blütenstaub, hellblauschimmernden Blütenstaub des Wiesenschaumkrautes und süsslich duftenden weissen Kirschblütenstaub. Leider hatten die fünf Freunde bemerkt, dass auch dieser farbige Blütenstaub nicht ausreicht. Sie würden nur mit einem bestimmten Zeichen hineinkommen. Doch wie ging dieses Zeichen wohl?

 

So legte sich einer der fünf Freunde auf die Lauer und beobachtete den Eingang, in der Hoffnung, das Zeichen zu entlarven. Die anderen vier Bienen begannen, die Blüten und den Staub zu sammeln. Als sie zurückkamen, wusste ihr Freund, wie das Zeichen ging. Und so gingen sie zum Eingang, drehten sich zweimal im Kreis, streckten dreimal die Zunge raus und riefen: «Sumsi, sami, summ!» Mit dem gesammelten farbigen Blütenstaub und dem richtigen Zeichen hätten sie ins Schloss dürfen, doch leider ging der Schlüssel des Tors verloren. So erteilten die Wachen den fünf Freunden den Auftrag, den Schlüssel im Bienendorf zu suchen. Und so flogen sie los, durch den Wald und über den Fluss. Doch plötzlich versperrte ihnen eine andere Biene den Weg. Sie rief: «Fremdlinge gehören nicht ins Bienendorf!» Sie begannen sich zu streiten, surrten laut und fochten mit dem Stachel gegen die Biene, die ihnen den Weg versperrte. Einer der fünf Freunde stellte ihr ein Bein, sodass sie auf dem Rücken im Blumenfeld landete. Diese Zeit nutzten die fünf und sausten davon.

 

Im Dorfkern angekommen, teilten sie sich auf. Zwei Bienen – die Sicherheitsbienen – entschlossen sich, zum Anfang des Dorfes zurückzukehren und die den Weg versperrende Biene zu beobachten, zur Sicherheit. Auf dem Weg dorthin, entschlossen die zwei Freunde der anderen Biene, die auf dem Rücken liegengeblieben war, zu erklären, dass sie im Auftrag der Schlosswächter unterwegs seien. Eine Biene ging in die Schule und trommelte alle Schulkinder zusammen. Sie sollten helfen, den goldig glänzenden Schlüssel mit dem eingebrannten Bild der Königin zu finden. Als Belohnung dürften sie mit der ganzen Schulklasse mit ins Schloss kommen. Die zwei anderen Bienen – die Bodenbienen – durchsuchten den Boden nach dem goldig glänzenden Schlüssel mit dem eingebrannten Bild der Königin.

 

Während die zwei Bienen am Dorfeingang mit der anderen Biene Frieden schlossen, geschah einiges im Bienendorf. Ein Schulbienchen hatte am Morgen mit ihrem Freund auf dem Schulweg etwas Goldiges, Glitzerndes gesehen: im Dorfbrunnen. Schnell standen die zwei Schulfreunde auf und zeigten den Weg. Dort angekommen summten bereits die Bodensuchbienen und die zwei Sicherheitsbienen daher. Die fünf wieder vereinten Freunde studierten gemeinsam mit den zwei Schulbienchen-Freunden, wie sie wohl zu dem glitzernden Gegenstand im tiefen, mit Wasser gefüllten Brunnen gelangen könnten. Nach einer laaaaangen Pause ohne Gespräch sprang das eine Schulbienchen ganz aufgeregt auf. Es hatte eine Idee und erzählte voller Stolz, dass sein Grossvater eine Drohnenbiene war. Es hatte zu Hause in seiner Schatz- und Erinnerungskiste noch seine Taucherbrille und holte sie blitzartig heraus. Kurze Zeit später nahm das Schulbienchen mit der angezogenen Taucherbrille allen Mut zusammen, legte die Flügel fest an den Körper, wie es ihm Grossvater immer erzählt hatte, und stürzte sich hinein in die Flut. Keine fünf Sekunden später erschien der goldig glänzende Schlüssel an der Oberfläche. Alle packten mit an und zogen ihn auf die Wiese nebenan. Tatsächlich war es der goldig glänzende Schlüssel mit dem eingebrannten Bild der Königin. Doch wie kam der Schlüssel in den Brunnen?

Die Bienenkönigin in ihrem Schloss

Die fünf Freunde und die ganze Schulklasse machten sich auf den Weg zur Königin. Dort öffneten sie das Tor und berichteten der Königin, wo sie den Schlüssel gefunden hatten. Für die Königin war das keine Überraschung, denn sie hatte mit ihrer Fotokamera ein Foto von der Biene gemacht, die den Schlüssel mitgenommen hatte. Es war eine Sammelbiene, die die Idee hatte, Dinge, die man nicht verlieren sollte, an einem Ort zu sammeln. Dieser Ort war für diese Sammelbiene eben der Brunnen im Bienendorf. Die Königin erklärte der ganzen Klasse und den fünf Freunden, dass so wichtige Dinge wie ein Schlüssel dort hingehören, wo man sie braucht. Das heisst, dass der Schlüssel zur Türe gehört, wo er hineinpasst. Alle nickten und sagten, dass sie nie mehr einen Schlüssel einfach so mitnehmen würden. Die Königin war so froh, dass der Schlüssel wieder da war und sie zudem viel verschiedenen Blütenstaub erhalten hatte, dass sie alle zu einem riesen grossen Fest in ihrer Schatzkammer einlud. So konnten die fünf Freunde den glitzernden, glänzenden Schatz doch noch sehen.

 

Katrin Menzi

Krippenleitung Engelburg

Weitere interessante Inhalte von Fiorino

Generationen verbinden – trotz Corona

Die Vorfreude war gross; das Generationenprojekt mit dem Pflegeheim Heiligkreuz befand sich in den Startlöchern – und ein Virus begann, unseren Alltag umzukrempeln. Das war vor rund einem Jahr....
Mehr erfahren

«Hüt lönd mir dChrippe Chrippe si und gönd defür in Zoo»

In diesen Tagen ertönt allmorgendlich das Zoolied aus dem Fiorino St. Gallen Ost. Während sechs Wochen setzen sich die Kinder mit der Tiervielfalt verschiedener Länder auseinander. Das Thema haben
Mehr erfahren

Gorilla, Held und Bärenatem

Jeden Donnerstagnachmittag führen wir mit den Kindern, die Lust haben, eine Yogastunde durch. Spielerisch lernen sie ihren Körper kennen, indem sie verschiedene Positionen wie Fisch, Gorilla oder...
Mehr erfahren

Social Media